CHEYENNE – THIS MUST BE THE PLACE
gesehen am 15. 11. 2011
Man entwickelt seine eigene Geschwindigkeit (“die Entdeckung der Langsamkeit”: Hab Dank für diesen Titel Herr Nadolny), seine eigene Zeit, seinen eigenen Sprachton, seinen Singsang, sein eigenes Aussehen und seine eigene Gefühligkeit: Cheyenne. Ach hör auf, lass das mit dem einsamen Indianer in einer fremden Welt, mit der weiten Steppe und dem Selbstfindungstrip. Dieser Mann war Rockstar, drogenabhängiger Existenzialist, melancholischer Mainstreamgoth und nun das: Entschleunigung, die Naivität eines Kindes gemischt mit der Weisheit eines Mannes der viel erlebt hat.
Cheyenne sieht Bilder die uns immer entwischen, erschafft Zeitlupen, wo wir sonst zwinkern und weitergehen. Er weckt den Sinn für das alltäglich Schöne, das morbid Groteske, das absurd Liebenswerte unserer Welt. Das klingt wie ein Gedicht, denkt der Kauz und er weiß gar nicht, wo er anfangen soll mit der Beschreibung.
Der Film besteht aus Bildern und aus Sätzen, die sich zusammenfügen wie eine philosophische Visualisierung der Welt.
Cheyennes ganze schwarze, schwankende Gestalt, an der immer irgendetwas nicht passt, wie der Rollkoffer und die temporären Geschwindigkeitsveränderungen, wirkt so komisch, wie bitterernst, immer etwas gelangweilt und immer mit ein klein wenig Angst vor dem Tod.
Der Kauz weiß nicht so recht, ob er nun damit beginnen soll, einzelne Szenen zu erzählen, die sich, je mehr er sich erinnert, in seinem Kopf zusammenscharen und fast alle erzählenswert sind: Der Indianer im Auto, das Tischtennisspielen, die Stofftiere der alten Damen, der Mann im Superman Kostüm, die scheppernde Parallelität von Rollkoffern und Gehhilfen, die größte und die kleinste Pistazie, wie dem Cheyenne die Tränen kommen, als er den Erfinder des Rollkoffers trifft, vor einem Panorama aus herbstlich gelben Laub, an einer ebenso herbstlich farbenen Limonade trinkend, grüne Blätter, die in einen strahlend blauen Pool schweben, Brüste in Zeitlupe wippend …, das alles will man behalten und ein wenig in sich wiegen, um für seine eigene Weltbetrachtung Inspiration zu bekommen.
Der Film ist ehrlich, klar und einfach, gleichzeitig aber auch so vielschichtig, tiefsinnig und hinterfragend: Was bedeutet Heimat, Ablenkung, Vertrauen, Dankbarkeit, Nachahmung, Demütigung, Rache … sinnige Überschriften zu einigen Kapiteln. Eigenartige Menschenwesen, mit denen er es zu tun hat, die ihm, bei allem Misstrauen, das sie ihm entgegenbringen, weitertragen: Großartig!
