DIE MÜHLE UND DAS KREUZ
gesehen am 05. 12. 2011
Der Kauz muss gestehen, er interessiert sich für Bilder … jadochjadochjadochjadochjadoch … im Übrigen für gemalte fast ebenso wie für filmische. Was er an filmischen sehr schätzt – ähnlich bei Romanen – ist ihre erzählerische Ebene, ihre Geschichte, ihr Mythos, das aufeinanderfolgende Geschehen (ganz gleich jetzt ob Rückblenden, Traumsequenzen oder Ähnliches die zeitliche Kontinuität durchbrechen. Sich ganz davon zu lösen hat noch kaum einer geschafft, am ehesten vielleicht David Lynch). Natürlich haben auch viele gemalte Bilder etwas derartiges (abgesehen von Minimal Art, Konkreter Kunst etc.), allerdings läuft – das bedingt nun mal das Medium – alles in einem Moment ab, in einem Hier und Jetzt, in dem Moment eben, an dem man das Bild betrachtet (man lässt jetzt mal die Augenbewegung und die Zeit die man braucht um zu schauen, beiseite). Der Kauz meint nun nicht, dass es zeitliche Abfolgen, ein Vorher und ein Nachher, in einem Bild nicht gäbe, sondern nur, dass das alles mehr oder weniger in einem Augenblick zu erfassen ist. Der Film dagegen bringt Bewegung ins Bild und mit ihr die Zeit, Dinge die auftauchen und verschwinden.
DIE MÜHLE UND DAS KREUZ hebt das Gemälde aus einem eingefrorenen Jetzt-Moment in ein Davor und ein Danach. Der Film ist ein Tableau Vivant, die Nachstellung eines Bildes mit lebenden Personen, die tatsächlich leben und handeln. Sie besitzen ein Leben vor dem Moment des Bildes und eines danach. Standbilder sind sie nie, nie vollkommen regungslos wie auf dem Gemälde. Sie versuchen es zwar, drapieren sich schmuckvoll in die Landschaft, bleiben aber immer in Bewegung: Atmen, zittern und mühen sich. Der Film lässt die im Bild angehaltene Zeit laufen die der Maler, oder der Müller, zur besseren Verständlichkeit gestoppt hat. Der Maler fängt alles Stehende für das Auge des Betrachters ein,
wie es die Spinne mit ihrem Netz macht.
Malerei: Die Zeit anhalten, verdichten, erzählende, oder nicht erzählende, statische, immer zu einem gewissen Teil abstrakte Konstrukte schaffen. Der Film entzerrt diesen festgehaltenen Moment, verdichtet all die dargestellten, parallelen Szenen in Breughels Bild zu mehreren Geschichten, die sich nicht unbedingt mit der finalen Kreuztragung Christi beschäftigen, sondern das Leben der Personen zum Inhalt haben: Die fünf Kinder der jungen Malers Frau, die ungebändigt im Haus herumwüten, der Sammler und seine Gattin, der übrigens zusammen mit dem Maler, der Einzige ist, der spricht und reflektiert, über das Gemalte und das Geschehen sinniert. Maler und Sammler sind es auch, die dem klassischen Thema der Kreuztragung Christi die eigene Zeit und deren Umstände zu Grunde legen.
Im Film wird tatsächlich kaum gesprochen, auch Musik ist selten und wenn dann ist sie dezent. Dagegen sind die Geräusche, Hufgetrappel, Schritte, Krüge abstellen, das Rattern des Mühlrads, Kinder lachen, bedeutungsschwanger wie im Theater, wie Statements ohne Worte, wie Punkte und Kommas und Striche, ein Beben und Dröhnen im Kopf.
Der Maler geht und betrachtet die Zustände seiner Zeit, die Grausamkeit der spanischen Unterdrücker, die sexuelle Gefräßigkeit einzelner Menschen, das Leiden an Zuständen, das Kämpfen ums Überleben. Die Gesichter wirken markant wie Landschaften und sie ziehen über das Feld unter der Mühle.
