Die Höhle der vergessenen Träume

Eine Filmbesprechung von Florian Boser.

Imperativ in 3D

(R + B + D: Werner Herzog; K: Peter Zeitlinger)

1994 wurde im Flusstal der Ardèche, in Südfrankreich eine über 8.000 Quadratmeter große Höhle von Hobby-Forschern entdeckt, die Chauvet-Höhle benannt nach Jean-Marie Chauvet, einer der Entdecker. Das besondere an der Höhle sind die über 400 Höhlenmalereien, die mit einem Alter von bis zu 35.000 Jahren die ältesten Darstellungen in der Geschichte der Menschheit sind. Es sind Bilder von Menschen, Tieren und von Tier-Mensch-Hybriden, die im Verlauf von Jahrtausenden immer wieder übermalt wurden, nicht mit anderen Motiven,  sondern, ganz im wörtlichen Sinne neu gemalt wurden. Auch eine kultische Nutzung der Höhle, die vor 22.000 Jahren durch Steinschlag versiegelt wurde, ist nicht auszuschließen.

Um die einzigartigen, paläolithischen Malereien zu schützen, ist der Besucherverkehr strikt reguliert worden; bereits menschliche Atemluft hat in anderen Höhlen zum Pilzbefall steinzeitlicher Malereien geführt.

Im Frühjahr 2010 erhielt Werner Herzog vom französischen Kultusministerium die Erlaubnis in der  Höhle von Chauvet zu filmen.

Entstanden ist kein gewöhnlicher Dokumentarfilm.

Mit kleinstmöglichen Team – Kameramann, Tonmann und einem Assistenten – musste der Regisseur arbeiten, zum Schutz der Höhle, in der man sich nur auf einem knapp über dem Boden montierten, 60cm breiten Steg bewegen kann. Die Bilder die Peter Zeitlinger unter diesen beengten Bedingungen geschaffen hat sind von archaischer Schönheit: die Höhle, in der der Stalagmiten und Stalaktiten kristallüberwachsen, im Schein der Taschenlampen erstrahlen und in der der Mangel an Licht zur Tugend wird. Die Felsen werden zur gewachsenen Kadrierung, zum natürlichen Rahmen. Und dann sind da noch die Bilder der Bilder. Die Wandmalereien, geschaffen aus Holzkohle und Ocker, die, im Zuge der Jahrtausende dauernden Abgeschlossenheit von der Außenwelt, unwirklich frisch wirken. Die Mähnen der Urpferde, schwarz eingefärbt; ein Bison mit acht Beinen, um Bewegung zu suggerieren; die Mammuts, die Höhlenlöwen und die Wollnashörner…

Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland… Für keinen deutschen Regisseur gilt dies mehr als für Werner Herzog. Im Amerika hat er seit 2005 , seit seiner Dokumentation „Grizzly Man“ über den Tierschützer Timothy Treadwell, der mit den Bären lebte und schließlich von ihnen getötet würde, nahezu die carte blanche. In Deutschland hingegen sind  seine letzten Spielfilme „Bad Lieutenant – Port Call of New Orleans“ und „My Son, My Son, what have Ye done“ fast gleich in den DVD-, Blue-Ray-Regalen verschwunden. Zwei kleine, angenehm unangepasste, sperrige Filme. Und auch „Die Höhle der vergessenen Träume“ ist durchaus vom Hezogschen Eigenwillen, von seiner, dem deutschen Publikum fremden Lust am fast freien Assoziieren durchzogen:

Unweit der Höhle von Chauvet stehen Tal der Rhone französische Atomkraftwerke. Mithilfe des warmen Abwassers wurden  tropische Biotope angelegt in denen auch Albino Alligatoren leben. Und obwohl das Eine mit dem Anderen gar nichts zu tun hat, bringt Herzog zusammen, was für ihn zusammen gehört: „Diese surreale Umgebung gebiert einen Gedanken. Ziemlich bald werden diese Albinos die Höhle von Chauvet erreichen. Was werden sie aus beim Betrachten der Bilder denken? Nichts ist real, Nichts ist sicher. Sind wir heute vielleicht die Krokodile, die in den Abgrund der Zeit blicken, wenn wir die Malereien der Chauvet Höhle sehen?“

Auf der diesjährigen Berlinale waren mit Wim Wenders „Pina“ und „Die Höhle der vergessenen Träume“ zum ersten Mal 3D-Filme im Wettbewerb zu sehen. Und obwohl der Einsatz der neuen Technologie von den Bedingungen nicht unterschiedlicher hätte sein können – ein Theaterraum in Wuppertal, eine Höhle im Gebirge – ist das Resultat erstaunlich ähnlich. In „Pina“ verstärken die  dreidimensionalen Bilder tatsächlich das Gefühl für die Bewegungen der Tänzer im Raum, so wie sie in Herzogs Film ein Gefühl für die Beschaffenheit des Untergrunds der Steinzeitmalereien vermitteln. Und egal wie kritisch man dem 3D-Kino gegenübersteht, im diesem Fall ist neue Technik ein entscheidender Mehrwert. „In dem Moment, wo ich die Höhle zum ersten Mal betreten konnte, war mir sofort klar, das ist ein Imperativ.“, so formuliert es Werner Herzog, erstaunlich unblumig.

Florian Boser

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