Submarine

In einer winterlichen Weihnachtsausgabe dieses ausrollbaren, digitalen und auf jeden Fall famosen Kinomagazins, präsentiert der Kauz gleich zwei Artikel des Gastschreibers Florian Boser.

Nummer 1: SUBMARINE

Tagträume

R & B: Richard Ayoade (nach einem Roman von Joe Dunthorn) D: Noah Taylor, Sally Hawkins, Craig Roberts, Paddy Considine, Yasmin Paige)

„Wer seid ihr?“ – Das ist die einfache, brutale Frage, die der Lehrer seinen Schülern stellt. Dem 15jährigen Oliver Tate ist sie Anlass genug über seinen Tod nachzudenken und über die Ereignisse nach seiner Beerdigung… Die Trauer der Mitschüler, besonders natürlich der Mitschülerinnen, die Betroffenheit der Lehrer, die Fassungslosigkeit seiner Eltern… Pressekonferenzen und Kranzniederlegungen im öffentlich- rechtlichen Fernsehen  und schließlich die glorreiche Auferstehung: „Fragt nicht wie. Aber wisst, dass ich mächtiger bin als je zuvor.“ Das sind Olivers Tagträume; eben jene Mischung aus Größenwahn und Selbstmitleid, die nur Heranwachsenden gut zu Gesicht steht.

„Submarine“, das Regiedebüt von Richard Ayoade ist ein coming-of-age Film, ein Film über das erwachsen Werden und die damit verbundenen Anforderungen.

Er handelt von den Grausamkeiten die man den unbeliebten Mitschülern zufügen muss – schließlich möchte man im Klassenkampf nicht auf der Seite der Loser stehen, und von den Demütigungen die man einstecken muss, wenn man halt nur bedingt zum Rowdy taugt. Er handelt von den Versuchen die eigene Identität zu finden sich zu positionieren – Oliver liest in seiner Freizeit das Fremdwortlexikon und sieht sich, wenn er ins Kino geht, Dreyers “La passion de Jeanne d’Arc” an. Vorzeitiges Verlassen des Kinosaals empfindet er als Verrat am Künstler und einen Einwand wie „der Regisseur sitzt ja nicht im Saal“ lässt Oliver nicht gelten. Denn bei den vielen Unsicherheiten in seinem Leben ist für Oliver wenigstens eins klar, er hält sich selbst für einen ernsthaften Menschen…

1986 spielt der Film, in Swansea, in Wales. Und so wichtig das Lokalkolorit für den Film ist – es gibt lange, wunderschöne Aufnahme des atlantischen Ozeans zu sehen und, natürlich findet ein desaströses Neujahrstreffen am Pier statt -, so unwichtig sind die 80er für den Film. Der Look des Films ist zeitlos. Richard Ayoade verzichtet auf alles, fast alles, was die 80er filmisch zur Zeit so interessant zu machen scheinen: Statt riesigen Schulterpolstern und neonfarbener Kleidung werden Schuluniformen getragen und im Radio laufen nicht die größten Hits eines vergangenen Jahrzehnts, sondern Musik von Alex Turner. Der Sänger der Arctic Monkeys, für die Richard Ayoade schon Videos gedreht hat, hat Olivers Weltschmerz in fünfeinhalb fragile Songs umgesetzt.

Einmal wünscht sich Oliver, dass das Leben mehr amerikanischen Soap-Operas ähneln würde. Wenn die Dinge zu dramatisch werden, wird abgeblendet, zu einem späteren Zeitpunkt kann man entspannt wieder einsteigen. Nicht so in Olivers Leben. Seine Eltern  haben sich auseinander gelebt. Der neue Nachbar Graham ist ein ehemaliger Lover seiner Mutter. Paddy Considine, dessen so brutaler wie zärtlicher, komplett anderer Liebesfilm „Tyrannosaur“ im diesem Sommer in den Kinos zu sehen war und der sonst eher für autistische Rollen bekannt ist, spielt ihn als verlorenes, immer noch zu aufgedrehtes Kind; er fährt einen zum Partybus umgebauten Minivan, auf dessen Seiten sein eigenes Konterfei geairbrusht ist. Mit seiner aufgesetzten Lebensfreude, seinen Freiluft-Yogaübungen ist der Motivationstrainer das komplette Gegenstück zu Olivers Vater (Noah Taylor). Ein unglücklicher Meeresbiologe, der selber untertauchen möchte,  ausgebrannt und apathisch bis zur Depression; und so scheint es nicht verwunderlich wenn sich Olivers Mutter – Sally Hawkins, die „happy-go-lucky“ Frau, aus Mike Leighs gleichnamigem Film, spielt so zurückgenommen wie selten – zu ihrem Verflossenen hingezogen fühlt.

Doch auch wenn die Eltern eine Bedrohung der Unbeschwertheit sind, das eigentliche Damoklesschwert der Jugend ist natürlich die Liebe.

Jordana Bevan (Yasmin Paige) heißt die Dame seines Herzens, die in ihrem rotem Lodenmantel zwischen ihren Mitschülern mit den dunkelblauen und grauen Schuluniformen wie ein Fremdkörper wirkt, wie aus einem Märchen. Und die natürlich kein bisschen märchenhaft ist. Nur auf den ersten Blick ein  Rotkäppchen; eins mit nachlässig lackierten Fingernägeln, das Oliver bittet zum ersten Date eine Polaroidkamera mitzubringen. Dann steht sie am Strand, rauchend unter dem Pier, und  natürlich wird sie sein Herz  brechen. Und dann scheint sie auf einmal dem rotbemantelten Albtraum aus Nicholas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ näher als jeder Grimmschen Figur. Aber, wie die Adoleszenz halt so ist: Stimmungen können minütlich umschlagen. Der Weg von der Demütigung zum privaten Super-8-Film des Glücks ist ein ganz kurzer. Wenn man jung ist.

Florian Boser

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