_ FULLL FIREARMS
_ 27. 01. – 09. 04. 2012
_ Badischer Kunstverein, Karlsruhe
Kunstinstitutionen als Film- und Schallplattenproduzenten? Na Bravo! Ehrlich, kein Sissy-künstliches: „Na bravo“, sondern ein ernsthaftes Theater-Bravo. Mehr davon. Dass der Langfilm meist dem Kino vorbehalten ist, ist weder gut für die Filmkunst noch für das Kino. Inwiefern die Kunstinstitutionen bei der Produktion etwas zu sagen hatten – so wie schlipstragende Filmproduzenten, die bei jedem Bild sowohl an Massentauglichkeit denken, als auch auf die eigenartigen Ausschweifungen ihrer Regisseure eingehen müssen (eine für die Produzenten im Übrigen sehr heikle Lage, die man immer mehr aufzugeben versucht, indem Regie und Drehbuch durch einen Stab an Leuten ersetzt werden, die weder Charakter noch Visionen haben) –, kann man nicht sagen, aber man kann davon ausgehen, dass die künstlerische Freiheit hier, ganz im Gegensatz zu den meisten Kinofilmen, groß geschrieben wurde: Frau Wardill machen Sie mal!
Der Kunstverein hat einen ganzen Raum mit Molton verhüllt, ihn in einen Kinosaal verwandelt. Damit gibt man sich einen zeitlichen Rahmen – der Film dauert 82 Minuten und sollte von Anfang bis Ende gesehen werden – was der sonst an Durchgang gewöhnte Kunstbetrieb selten machen muss. Um den Filmraum herum, kann man sich in die Ausstellungsräume begeben, gefüllt mit Kostümen, Architekturmodellen und dem Sound des Films. Der Film bestückt das ganze Haus, kommt aus der Leinwand hervor, quillt hinein in die Räume. Flach und Dreidimensional.
Emily Wardill macht Kunstfilme und Performances, sie kommt aus einer eher experimentellen Ecke, mit niedrigen Budges, aber viel Einfallsreichtum. Nun also: Geld, Länge, viele Schauspieler und das alte Lied: Film ist ein Zusammenschluss mehrerer Künste: Musik, Kostüm, Text, Architektur, Dramaturgie … alles Dinge, die Wardill schließlich und richtig auch aus dem Film heraushebt und die für sich gesehen eigene Werke in den Räumen bilden. Das alles ist eine Menge und etwas, was einen unter Druck setzen kann.
Die Grundgeschichte ist imposant und gut, klug und wahr, vielschichtig und interessant, besitzt etwas Lebendiges und etwas Totes … Imelda die Tochter eines Waffenfabrikanten möchte ein Haus bauen, für all die Menschen, die durch die Waffen ihres Vater zu Tode gekommen sind. Eine Strategie um das eigene moralische Gewissen zu beruhigen, um eine ererbte Schuld abzutragen, ohne an realistische Wiedergutmachung an noch Lebende zu denken oder an das In-die-Luft-bomben der Fabrik ihres Vaters. Dafür ist diese Scheinperson Imelda, die selbst wie ein Geist wirkt, viel zu artifiziell, zu aufgesetzt, zu stöckelschuhhaft, sich selbst erhöhend und ihr tatsächlich reales Problem liebend und sich ihm völlig irrational verschreibend. Ihre Kleidung ist wie ein Schutz, wie ein Ding um sich den Mitmenschen entgegenzustellen, damit sie gleich wissen: Stopp, die ist anders, Vorsicht, exzentrisch, eine Modedame. Hilfloses Geflatter, dass durch Aktionismus Unsicherheit überdeckt und so wenig an ihrer selbst zurechtgelegten Realität zweifelt, wie wir an unserer. Sie schneidert sich ihre Realität hübsch und melancholisch zurecht, zieht sie an und breitet sie aus, damit andere darin leben können. Nun sind es nicht die Geister die kommen, sondern Hausbesetzer, die das im Bau Befindliche einnehmen und sich in ihrer eigenen Unsicherheit Imeldas Spielereien ergeben.
Der gewissenhafte, bodenständige Architekt, mit Haus und Kindern, etwas verkrampft, weil er an Vernunft und bekannten Strukturen festhält, soll ein Haus für Tote bauen und statt es, wie die Hausbesetzer, als Möglichkeit für neue Visionen und Spielereien zu sehen, verkrampft er sich in alt Bekanntem, knickt bei jedem Schritt, den er in seinem Werk tut ein Stückchen mehr hinein in sich. Bei ihm braucht eine Wand drei andere, um ein Raum zu sein und eine Treppe geht immer in beide Richtungen. Er braucht ein Baugerüst, weil er nicht bemerkt, dass alles gut funktioniert.
Das „Gebäude“ sind alte Betonruinen am Meer, die aussehen wie verlassene Bunker, mit schmalen zum Wasser hin geöffneten Augen. Gras und Moos überall und immerzu der Wind, wie die fünfte Wand, ein zusätzlicher Ton, ein Mitspieler. Er fährt durch Haare, durch Kleider, unter Decken, in Wein, in die elegante Hose des Architekten, der viel zu nüchtern ist, um die Stimulanz zu begreifen, in offene Münder und in Augenschlitze.
Imelda stöckelt über die Klippen, stöckelt um die Geister herum, feiert mit ihnen. Alles ein Schauspiel: Hell, sandig und staubig. Immer ist alles bewegt und durchweht. Sie sind Kinder auf einem Spielplatz, denen die Melancholie dazwischen kommt, die Empathie, die Vergangenheit, das eigene Ego, die Eifersucht und der Tod.
Schatz suchen. Ein Prinz und eine Prinzessin ficken am Strand. Sie plantschen im Meer. Singen Lieder. Verkleiden sich. Entstehen wird dabei nichts, aber für ein paar Minuten fühlen sie sich alle frei. Wie eine Ziehharmoniker. Zusammenfaltbar. Veränderbar. Dabei ist alles immer ein bisschen unwirklich.
Das Problem an Wardills Film ist vielleicht, dass alles so sehr mit Bedeutung aufgeladen zu sein scheint, dass keinerlei wirkliches Spiel aufkommt, keinerlei Wagheit, Leichtigkeit und auch keinerlei Witz. Ständig geht alles schwanger mit irgendetwas: Ach, da werden Stimmen aufgenommen, da geht es um die Mutterrolle der einen, da um die Liebe. Es wird dann darauf herumgedrückt, es wird geknetet und behandelt, ausgewalkt und irgendwie platt gemacht. Die Geschichten passieren nicht automatisch, nicht organisch, nicht selbstverständlich, sie folgen aufeinander, wie auf einer Kette. Da wurde vielleicht ein bisschen zu viel gewollt: Neue Raumerlebnisse, soziale Bezugssysteme, Kulturtechniken, soziale Interaktionen, Theater, Totentraum … es sieht alles zu sehr nach Kunst aus.
Vielleicht wäre mehr Improvisation besser gewesen und etwas weniger Kalkulation. Das alte Wort Trash und seine Freiheit und Wildheit. Vielleicht ist professionell gar nicht unbedingt gut für die Kunst. Vielleicht wäre Unperfektes und damit auch die Chance des Scheiterns interessanter gewesen. Über diesen Film kann man weder wirklich schimpfen, noch wirklich begeistert sein.
Der Kinofilm hat sich bis zur Langeweile perfektioniert, die Kunst sollte sich unterstehen das auch zu tun. Kunstinstitutionen sollten Filme produzieren und Künstler sollten dennoch ihre innere Freiheit bewahren auch die, zu scheitern, dann kann auch wirklich etwas Neues entstehen.
So ist es ganz gut, aber auch nicht mehr, aber auch nicht weniger.