Was ist davon zu halten wenn jemand einen Film über ein Thema versucht, das noch nicht beendet ist. Mahatma Ghandi ist tot, das Nazi-Regime vorbei, der Vietnamkrieg beendet, da sind Anfang und Schluss bekannt. Herr Besson versucht Dramaturgie in einen nicht abgeschlossenen Prozess zu bringen (das kann durchaus funktionieren, siehe THE QUEEN) und da er weiß, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sich in Birma (Burma oder Myanmar) eine friedliche und vielleicht sogar demokratische Bewegung durchgesetzt hat – oder eben nicht – und das Land stabil ist, konzentriert er sich in weiten Teilen des Filmes auf die Familiengeschichte von Aung San Suu Kyi. Das ist herzergreifend und für uns nachvollziehbar, da haben wir was, in das wir uns hineinversetzen können, mit dem wir uns identifizieren können. Ihr Mann ist noch dazu Europäer. Ach wie passend! Das wahre Leben hat manchmal eine gute Dramaturgie. Über Birma, seine Schönheit, seine Komplexität, seine Vergangenheit und seine Mentalität erfahren wir leider nur sehr wenig … uns wird einmal wieder nur das gegeben, was wir ohnehin kennen. Danke liebes Kino für deine Unkompliziertheit. Danke, dass du es uns so einfach machst uns zu identifizieren. Nur nichts Kompliziertes, nur nichts wirklich Politisches und nicht zu viele Tote.

Für den Kauz ist Birma, seine politische Entwicklung, Aung San Suu Kyi, die Mönche, die Militärregierung, die Überschwemmungen ein wirklich gutes Thema, ein wichtiges Thema, bedauerlicherweise wird es sentimental und etwas zu absehbar behandelt. Aus einem einzigartigen, jahrzehntealten Konflikt und Kampf wird eine schon tausend Mal gesehene Trennungs- und Wiederzusammenführungsgeschichte von Mann und Frau in politischen Wirren.

Der Film endet 2007, aus dramaturgischer Sicht sehr schön, mit dem Aufstand der orange gekleideten Mönche: Ein „Seht her!“ Ein Hoffnungsschimmer. Nichts ist gescheitert, es geht weiter. Dass dieser friedliche Protest vom Militärregime blutig niedergeschlagen wurde … stopp, nein, das ginge zu weit, das würde doch zu kompliziert, wir müssen mit etwas Gutem enden, auch wenn das Leben da nicht mitmacht. Klar, das versteht auch der Kauz und er gähnt. Viel gelernt hat er dabei leider nicht und das hat er sich erhofft.

Filme können politisch etwas bewegen weil sie im Inneren von politisch denkenden Menschen etwas bewegen können. Sie müssen sich nur trauen etwas tiefer zu gehen.

Nachtrag: Ob der Sieg der NLP („Nationalliga für Demokratie“), der Partei von Aung San Suu Kyi bei den Parlamentsnachwahlen zu Beginn diesen Monats nun tatsächlich ein Zeichen für mehr Demokratie war oder ob es der Militärregierung allein darum geht, dass die Sanktionen gegen Birma gelockert oder sogar abgeschafft werden – immerhin dominiert das Militär weiterhin das Parlament und ein paar Zugeständnisse sind verschmerzbar – wird die Zukunft zeigen.

gesehen am 08. 03. 2012

Michael Fassbender als sexsüchtiger Großstadtmensch. Die Spitze der Gesellschaft als sozial unverträgliches, irgendwie unglücklich aggressives Wesen. Klug und geschmeidig pirscht er sich an die Frauen, die zu Objekten werden. Seine Schwester besucht ihn, eine Frau, anders als er, Sängerin, extrem sensibel, schon fast zu anhänglich. Die Schwester versucht ihm Umarmungen abzuringen, verlangt nach Nähe, die er nicht zulassen will und kann. Das einzige was er will ist eine Art manischen, zwanghaften Sex, um des Aktes wegen, um der Performance wegen, um des Höhepunktes wegen, ohne Worte, keine intimen Dinge. Wie witzig ist dass denn? Nackt, aber doch rein gar nichts von sich preisgegeben. Die Schwester dagegen spricht schnell von Liebe und meldet sich nach dem Sex bei den jeweiligen Leuten. Sie bildet seinen Gegenpart (der Kauz fühlt sich an die Geschwister aus Houellebecqs Elementarteilchen erinnert: Der eine asexuell, der andere durch und durch sexualisiert), der versucht sich einen Platz an seiner Schulter zu erkämpfen.

Großstadtbeziehungen oder besser Nicht-Beziehungen, sich nahe kommen und doch immer die Distanz zum anderen bewahren. Der Kauz denkt da an ein Lied: „Kaltes klares Wasser“ und etwas schüttelt es ihn, weil er sich unterkühlt hat. Ist das jetzt ein Phänomen der Gegenwart? Der Großstadt? Ihrer Distanziertheit, ihrer Anonymität, des Wettbewerbdrucks der in ihr herrscht, der Businesswelt. Oder ein Phänomen, der glatten Moderne? Die eben nicht verziert ist, keine Schnörkel und Unebenheiten besitzt, wie das noch der Jugendstil tat? Ist die Klarheit und Professionalität die wir uns überall geben, befreiend oder eher betrüblich? Der Kauz weiß es nicht, man sieht doch auch überall wie wichtig Beziehungen gerade in einer solchen Umwelt werden. Egal.

Weiter überlegt sich der Kauz, wofür denn bei ihm die Frauen stehen. Ja wofür sind die da, wenn nicht als reines Fleischetwas für ihn, den sozial unverträglichen aber sehr charmanten Einzelgänger. Seinen ganz offensichtlichen Charme benutzt er als Köder, eben nicht mehr als ehrliche zwischenmenschliche Äußerung, sondern als lässig ausgeworfener Harken. Er weiß schon, wie er sie jagen muss. Und – das auch – er jagt ehrlich, gibt niemals vor, mehr zu wollen. Davon abgesehen, haben die Frauen meist auch ihren Spaß dabei.

Die Kamera sitzt auf den Schultern der Leute, besonders auf seiner und der seiner Schwester: Sie verfolgt sie durch New York, beim Essen, tanzen, ficken, in schmucklosen, ornamentlosen, glatten, sauberen Räumen. Die Musik schwingt mit, Elektro mit Klassik, ist gleichzeitig steril und distanziert, dann auch wieder voll und leidenschaftlich.

Etwas zu sauber ist das Ganze. Vielleicht passiert tatsächlich auch etwas zu wenig. Außerdem kommt man den Figuren nicht richtig nah, man bleibt immer auf Distanz. Aber jetzt, in diesem Moment, als der Kauz das schreibt, erscheint ihm das nur folgerichtig.

gesehen am 19. 02. 2012

Der Kauz hat eine kleine formale Änderung in sein eigentlich nicht formales Vorgehen eingearbeitet. Er stellt nun jedes Mal eine kurze, inhaltliche Zusammenfassung des Films vor seine essayistische Zustandsbeschreibung. Denen, die den Film gesehen haben, kann es helfen, sich abermals daran zu erinnern. Alle anderen bekommen ein Gerüst um sich leichter an den darauf folgenden, sonst vielleicht sehr zusammenhanglosen Worten, entlang hangeln zu können.

Ein international anerkannter Pianist verliert seine international anerkannte Sängerin/Frau an den Krebs. Die Tochter, auch sie Sängerin, hilft der Mutter beim Tod, was er ihr nicht verzeihen kann. Er zieht sich zurück aufs Land, zu seiner gurkenliebenden, religiösen Mutter, die ihn Zäune bauen und Kühe hüten lässt. Eine Kuh, die Klara, beginnt wunderbare Milch zu geben, nachdem er ihr Mozart vorgespielt hat. Nun feiert er ein Fest, da er in ihr die Reinkarnation seiner verstorbenen Frau sieht. Pfarrer und Dorf feiern mit, nur seine Mutter hält es für Blasphemie und Sodomie.

Der ursprüngliche Titel war Father, Son & Holy Cow. Weshalb daraus ein derartig landhauskitschiger, belangloser Titel werden musste, dass weiß wohl einzig und allein der liebe Gott und der Verleih. Trachtlerische Wohlfühligkeit ist es nicht, die man bekommt, aber doch ländliche Behaglichkeit, märchenhafte Verwicklungen und kuriose Absurditäten. Die goldenen Kuh Klara, deren Fellfarbe den ganzen Film herbstlich vergoldet, zieht sich durch das Liebensmärchen mit Rückblenden und einen etwas anderen Trauerprozess. Leider fällt es schwer dem immer zu folgen. Manchmal kann man die Umstände oder die Veränderungen in den Personen nicht richtig nachvollziehen. Vielleicht auch weil es zu viel Märchen sein will und darin zu absehbar ist. Irgendwie passiert alles zu plötzlich und zu selbstverständlich und zu sehr so, wie man es eigentlich auch erwartet.

gesehen am 10. 02. 2012

Nur weil man an ihr rumbasteln kann, nur weil man da einen Menschen hat, der schwächer zu sein scheint als man selber, greift man in die Menge und zerrt ihn am Schlafittchen heraus, da kann er noch so zappeln und sich wehren und man selbst kann für einen Moment seine eigene Unzulänglichkeit vergessen. Wenn sich dieses Etwas aber nun wehrt, dieses Objekt des Knetspiels und es zerrt und zappelt und es sich fast selbst zerfleischt, daraus aber mit einem Mal stärker und selbstbewusster hervortritt – worüber es sich selbst ebenso wundert – mit einem Mal von einem ES zu einem ICH geworden ist, dann ist das eine starke Geschichte und der Herauszerrende, der am Anfang noch so stark erschien, muss den Schwanz einziehen.

Ein pädagogischer Arschtritt? Ein Sadist? Ein Psychotherapeut? Ein armer Irrer? Eine leitende Vaterfigur, die sie nie gehabt hat? Ein Liebhaber?

Was ist ein Schauspieler und was ist ein Regisseur und welch merkwürdige Verbindung gehen die beiden miteinander ein, die sie nicht lassen können, erst recht nicht, wenn sie weh tut. Und was bringt das einem Kauz? Vielleicht ist es interessant, weil es um das eine ICH geht, das sich aufspaltet, in das, was man vorgibt zu sein und das was man ist und das was man sein kann. Schauspieler spielen damit, sie bilden diese Schizophrenie in uns, in der Wirklichkeit ab, heben mehrere Personen aus einer hervor. Immer schwingt eine Unsicherheit mit, bei uns und bei ihnen, und manchmal tauchen Menschen auf, die uns ein Stück weiterbringen. Das muss nicht immer angenehm sein, oft ist es das nicht und immer muss man dabei ein wenig Fleisch im Maul des anderen lassen.

So gesehen, fand der Kauz den Film gut. Andererseits findet die Verwandlung der Schauspielerin in einem Kostüm statt, sie lernt wie sie selbst ist, in dem sie vorgibt jemand anderes zu sein und zerbricht schließlich so vollständig daran, dass sie in der letzten Konsequenz Selbstmord begehen will. Das ist ein bisschen viel, vielleicht ein bisschen zu viel, einen Tick zu weit über die Schwelle … für den Kauz.

Wir arbeiten an uns, wir arbeiten im wahren Leben an uns und wir spielen mit uns, immer.

O man, ja, der Kauz weiß es, er hängt ein bisschen, hinkt ein wenig hinterher, rollt eierrädrig dem Programm nach … Pardon, Monsieur, das war nicht nett, in Anbetracht eines Films über einen querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer. Aber eigentlich ist das ok so: Ein bisschen politisch inkorrekt, ein wenig dreist, ehrlich und frei nach Schnauze. Alles andere ist ein Versteifen der Wirbelsäule zu einer unbeweglichen Plastik, bei Dingen, denen mit ein bisschen mehr Leichtigkeit, vieles von ihrer Schwere genommen wäre.

Da bekommt ein reicher Franzose einen Pfleger aus einem Pariser Problemviertel – sagt man da wohl – was heißt er bekommt ihn, er nimm ihn sich und konfrontiert ihn mit sich und sich mit ihm. Ave Maria im Bad und „mir gefällt der Laden“, die Musik und so, Pop und Barock und die Malerei: Blut husten auf Leinwände für 30 000 Euro. Kulturelle Unterschiede zwischen den Gesellschaftsschichten und das eine Mischung echt mal was bringt.

Es ist schön zu sehen, wie ein französischer, relativ kleiner Film, es schafft, sich herumzusprechen und so vom kleinen Kinosaal in einen größeren zu wandern und sich dort für eine geraume Zeit halten zu können.

Vielleicht liegt das daran, dass es um allgemein menschliche Dinge geht, wie Freundschaft, Mitmenschlichkeit, Ehrlichkeit und das Leben genießen trotz aller Widrigkeiten, ums Glück empfinden, in dem man es zulässt. Es ist so schön gemacht, ohne, dass man sich auch nur einmal ehrlich Sorgen machen muss – das ist vielleicht das einzige Manko: Alles ist oft fast schon märchenhaft. Der Mann ist einfach mal ziemlich reich und sein Freund ihm so zugetan, dass er ihm sogar sein Fabergé-Ei wieder mitbringt. Zum Glück gibt es den ein oder anderen Hitler-Schnurbart, der gleicht das Ganze wieder etwas aus, das politisch Inkorrekte halt und die Dreistigkeit.

Der Kauz ist mal wirklich frohgemut aus einem Kinofilm rausgekommen.

_ FULLL FIREARMS

_ 27. 01. – 09. 04. 2012

_ Badischer Kunstverein, Karlsruhe

Kunstinstitutionen als Film- und Schallplattenproduzenten? Na Bravo! Ehrlich, kein Sissy-künstliches: „Na bravo“, sondern ein ernsthaftes Theater-Bravo. Mehr davon. Dass der Langfilm meist dem Kino vorbehalten ist, ist weder gut für die Filmkunst noch für das Kino. Inwiefern die Kunstinstitutionen bei der Produktion etwas zu sagen hatten – so wie schlipstragende Filmproduzenten, die bei jedem Bild sowohl an Massentauglichkeit denken, als auch auf die eigenartigen Ausschweifungen ihrer Regisseure eingehen müssen (eine für die Produzenten im Übrigen sehr heikle Lage, die man immer mehr aufzugeben versucht, indem Regie und Drehbuch durch einen Stab an Leuten ersetzt werden, die weder Charakter noch Visionen haben) –, kann man nicht sagen, aber man kann davon ausgehen, dass die künstlerische Freiheit hier, ganz im Gegensatz zu den meisten Kinofilmen, groß geschrieben wurde: Frau Wardill machen Sie mal!

Der Kunstverein hat einen ganzen Raum mit Molton verhüllt, ihn in einen Kinosaal verwandelt. Damit gibt man sich einen zeitlichen Rahmen – der Film dauert 82 Minuten und sollte von Anfang bis Ende gesehen werden –  was der sonst an Durchgang gewöhnte Kunstbetrieb selten machen muss. Um den Filmraum herum, kann man sich in die Ausstellungsräume begeben, gefüllt mit Kostümen, Architekturmodellen und dem Sound des Films. Der Film bestückt das ganze Haus, kommt aus der Leinwand hervor, quillt hinein in die Räume. Flach und Dreidimensional.

Emily Wardill macht Kunstfilme und Performances, sie kommt aus einer eher experimentellen Ecke, mit niedrigen Budges, aber viel Einfallsreichtum. Nun also: Geld, Länge, viele Schauspieler und das alte Lied: Film ist ein Zusammenschluss mehrerer Künste: Musik, Kostüm, Text, Architektur, Dramaturgie … alles Dinge, die Wardill schließlich und richtig auch aus dem Film heraushebt und die für sich gesehen eigene Werke in den Räumen bilden. Das alles ist eine Menge und etwas, was einen unter Druck setzen kann.

Die Grundgeschichte ist imposant und gut, klug und wahr, vielschichtig und interessant, besitzt etwas Lebendiges und etwas Totes … Imelda die Tochter eines Waffenfabrikanten möchte ein Haus bauen, für all die Menschen, die durch die Waffen ihres Vater zu Tode gekommen sind. Eine Strategie um das eigene moralische Gewissen zu beruhigen, um eine ererbte Schuld abzutragen, ohne an realistische Wiedergutmachung an noch Lebende zu denken oder an das In-die-Luft-bomben der Fabrik ihres Vaters. Dafür ist diese Scheinperson Imelda, die selbst wie ein Geist wirkt, viel zu artifiziell, zu aufgesetzt, zu stöckelschuhhaft, sich selbst erhöhend und ihr tatsächlich reales Problem liebend und sich ihm völlig irrational verschreibend. Ihre Kleidung ist wie ein Schutz, wie ein Ding um sich den Mitmenschen entgegenzustellen, damit sie gleich wissen: Stopp, die ist anders, Vorsicht, exzentrisch, eine Modedame. Hilfloses Geflatter, dass durch Aktionismus Unsicherheit überdeckt und so wenig an ihrer selbst zurechtgelegten Realität zweifelt, wie wir an unserer. Sie schneidert sich ihre Realität hübsch und melancholisch zurecht, zieht sie an und breitet sie aus, damit andere darin leben können. Nun sind es nicht die Geister die kommen, sondern Hausbesetzer, die das im Bau Befindliche einnehmen und sich in ihrer eigenen Unsicherheit Imeldas Spielereien ergeben.

Der gewissenhafte, bodenständige Architekt, mit Haus und Kindern, etwas verkrampft, weil er an Vernunft und bekannten Strukturen festhält, soll ein Haus für Tote bauen und statt es, wie die Hausbesetzer, als Möglichkeit für neue Visionen und Spielereien zu sehen, verkrampft er sich in alt Bekanntem, knickt bei jedem Schritt, den er in seinem Werk tut ein Stückchen mehr hinein in sich. Bei ihm braucht eine Wand drei andere, um ein Raum zu sein und eine Treppe geht immer in beide Richtungen. Er braucht ein Baugerüst, weil er nicht bemerkt, dass alles gut funktioniert.

Das „Gebäude“ sind alte Betonruinen am Meer, die aussehen wie verlassene Bunker, mit schmalen zum Wasser hin geöffneten Augen. Gras und Moos überall und immerzu der Wind, wie die fünfte Wand, ein zusätzlicher Ton, ein Mitspieler. Er fährt durch Haare, durch Kleider, unter Decken, in Wein, in die elegante Hose des Architekten, der viel zu nüchtern ist, um die Stimulanz zu begreifen, in offene Münder und in Augenschlitze.

Imelda stöckelt über die Klippen, stöckelt um die Geister herum, feiert mit ihnen. Alles ein Schauspiel: Hell, sandig und staubig. Immer ist alles bewegt und durchweht. Sie sind Kinder auf einem Spielplatz, denen die Melancholie dazwischen kommt, die Empathie, die Vergangenheit, das eigene Ego, die Eifersucht und der Tod.

Schatz suchen. Ein Prinz und eine Prinzessin ficken am Strand. Sie plantschen im Meer. Singen Lieder. Verkleiden sich. Entstehen wird dabei nichts, aber für ein paar Minuten fühlen sie sich alle frei. Wie eine Ziehharmoniker. Zusammenfaltbar. Veränderbar. Dabei ist alles immer ein bisschen unwirklich.

Das Problem an Wardills Film ist vielleicht, dass alles so sehr mit Bedeutung aufgeladen zu sein scheint, dass keinerlei wirkliches Spiel aufkommt, keinerlei Wagheit, Leichtigkeit und auch keinerlei Witz. Ständig geht alles schwanger mit irgendetwas: Ach, da werden Stimmen aufgenommen, da geht es um die Mutterrolle der einen, da um die Liebe. Es wird dann darauf herumgedrückt, es wird geknetet und behandelt, ausgewalkt und irgendwie platt gemacht. Die Geschichten passieren nicht automatisch, nicht organisch, nicht selbstverständlich, sie folgen aufeinander, wie auf einer Kette. Da wurde vielleicht ein bisschen zu viel gewollt: Neue Raumerlebnisse, soziale Bezugssysteme, Kulturtechniken, soziale Interaktionen, Theater, Totentraum … es sieht alles zu sehr nach Kunst aus.

Vielleicht wäre mehr Improvisation besser gewesen und etwas weniger Kalkulation. Das alte Wort Trash und seine Freiheit und Wildheit. Vielleicht ist professionell gar nicht unbedingt gut für die Kunst. Vielleicht wäre Unperfektes und damit auch die Chance des Scheiterns interessanter gewesen. Über diesen Film kann man weder wirklich schimpfen, noch wirklich begeistert sein.

Der Kinofilm hat sich bis zur Langeweile perfektioniert, die Kunst sollte sich unterstehen das auch zu tun. Kunstinstitutionen sollten Filme produzieren und Künstler sollten dennoch ihre innere Freiheit bewahren auch die, zu scheitern, dann kann auch wirklich etwas Neues entstehen.

So ist es ganz gut, aber auch nicht mehr, aber auch nicht weniger.

gesehen am 04. 02. 2012

Was waren das noch für Zeiten: MONACO FRANZE und KIR ROYAL. Als die bayerische Schickeria die Leopoldstraße hoch und runter stöckelte, viel trank und viel busserlte! Einer ist im Gulliloch des Gehwegs steckengeblieben, der Herr Dietl. Schön wäre, wenn er direkt in den Achtzigern stecken geblieben wäre, mit ausgestrecktem kleine Finger und diesen schnieken Tüchern die man um den Hals trug, dem gepflegten Oberbayerisch und einem leicht rotzigen, aber dennoch wohldurchdachten, intellektuellen Vokabular. Leider hat er sich wieder losgerissen und versucht das Alles für unsere Zeit zu verändern, es anzupassen und das geht schief. Was soll man sagen, zu Beginn von ZETTL gelingt ihm das sogar ganz gut, an den ruhigen Stellen, mit den feinen, spitzen Formulierungen, wenn er erklärt, dass das alte Sechzig das neue Vierzig ist und das Fünfzig das Dreißig: Jugendwahn und Verdrängungswahnsinn und die Fernsehshows mehr Schein als Sein:

Sie kommen bei jeder Sendung aber so warm rüber.

Ich bin aber bei jeder Sendung eiskalt.

Kommt aber wärmer rüber.

Oder der Pastor und seine Statisten Geld für die Aussprache der lateinischen Fremdsprache bei der Beerdigung von Baby Schimmerlos erhalten wollen.

Und einem Toten in seinem Zustand ist es egal, wo er beerdigt wird.

Leider drehen Dietl und Film irgendwann durch, verlieren jeden Faden, jedes Gefühl für Takt. Vielleicht macht das der Herr Dietl tatsächlich um der neuen Zeit gerecht zu werden, ihrem Facebook und Twitter, ihrer Geschwindigkeit und dem Übermaß an allem: An Blabla, an Informationsfluss und am Überall-dabei-sein-wollen: In den Medien, der Liebe, dem Ehrgeiz, der SPD und CDU, der Bürgermeisterin, dem Ministerpräsidenten und dem Kanzler, der Gegenwart (Politwahnsinn und Medienhype, mit zeitnah ins Netz gestellten Nachrichten) und der Vergangenheit (Kir Royal). In den Achtzigern war er schneller als die anderen, jetzt wollte er sich selber überholen und ist dabei gestolpert.

Dass die Bürgermeisterin mit dem Schweizer Finanzier des Nächtens Schokolade an Hartz IV Empfänger verteilt, beschreibt die Schweiz und Berlin, allerdings beides in seiner einfachsten, klischeehaftesten Form. Vielleicht wäre da doch München passender für Dietl, da kennt er sich ein bisschen besser aus, da wollte er auch nie so hoch und so weit hinaus. Die Geschichte entgleitet so absurd, dass man ihn anhalten und beruhigen will, wieder in die leere Redaktion des „Berliner New Yorker“ schicken will, da erschien alles noch so gut.

Hysterisch ist Dietl, fast schon ein hysterischer Historiker seiner selbst.

Darf ich jetzt meine Lanze für die Kunst brechen?

Nein!

Dabei sind so gute Leute dabei: Dieter Hildebrandt, Christoph Süß, Senta Berger, Götz George, Sunnyi Melles, Ulrich Tukur, Harald Schmidt, Dagmar Manzel aber sie alle müssen, nach einem doch guten Start, ihr intelligentes Hirn baumeln lassen, sich mit Dialektspielereien abspeisen lassen und wie alberne Karikaturen wirken.

Herz geht grad noch, Gehirn geht gar nicht mehr.

Das Kino feiert sich selbst. Das tut es gerne: Beim Oscar in langen Roben und mit Krönchen auf dem Gesäß und bei Premieren und dem roten Teppich, den sie extra dafür häkeln, um daraus anschließend Täschchen für die Luxus-Industrie zu produzieren. Das dürfen sie auch: Also ein Glas Sekt auf die goldenen Anfangszeiten des Mediums! Das Schöne ist, findet zumindest der immer ein bisschen sentimentale Kauz, dass sich das Kino zu Beginn dieses Jahres etwas zu besinnen scheint, nach 3D Spektakeln, mit Extremitäten die uns entgegenfliegen und Hände die nach uns greifen, Schwertern die stechen, nun eine Rückkehr zur Erzählung (J. EDGAR, MONEYBALL, ZIEMLICH BESTE FREUNDE, THE IDES OF MARCH).

Da dreht jemand einen Stummfilm über das Thema Stummfilm. Also müssen Schauspieler, Menschen in einem Stummfilm spielen und Menschen die in einem Stummfilm Schauspieler in einem Stummfilm spielen. Klar soweit? Das Kino, wie ohnehin fast Alles und Jeder immer mal wieder, glorifiziert seine Anfangszeit, nimmt sie ab und zu auf den Schoß und zeigt sie denen, die sie nicht als schwarz-weiß Foto im Familienalbum kleben haben.

Pompöse, theatralische Musik, an die sich die wenig klassisch gebildeten Ohren des Kauzes erst gewöhnen mussten, die er aber immer besser fand. Damals besaß die Leinwand, noch einen Konzertgraben zu ihren Füßen, das Kino war mit dem Theater vergleichbar. Das Theater war dem Film aber, was Farbe und Ton anbelangte, einen Schritt voraus. Was blieb übrig? Alles hinein in Mimik und Gestik, für uns eine Lehre der Körpersprache, die aus diesem Defizit gewonnen wurde.

Please be silent behind the screen.

Es ist erstaunlich, wie leicht es funktioniert, wie charmant man es findet, wie einfach es ist, Blicke und Gesten in Geschichten zu übersetzen.

Andererseits kann man auch sehen, wie sehr der Film dahingehend konstruiert und zusammengesetzt ist:  Wer steht wo? Oben oder unten auf einer Treppe? Wer steigt die Erfolgsleiter rauf und wer runter? Wer wird beleuchtet und strahlt, wer agiert eher im Schatten? – Trauer und Freude, Lebenslust und Depression. Wer bekommt die zarten Streicher und  wer das lustige Klingen? – Die Frau, der Hund.

Wenn man sich darauf und auch auf die sehr simple Geschichte konzentriert, dann fühlt man sich behaglich geschaukelt wie ein Kind, aber auch nicht so ganz ernst genommen.

Ein anderes Manko, eigentlich ein ganz Schönes, ist die Frau, die Hauptdarstellerin, die doch sehr unserem aktuellen Schönheitsideal entspricht: Groß, schlank, breiter Mund. Sicherlich hat sie Ausstrahlung, aber in die zwanziger Jahre, in denen die Frauen im Film etwas kleiner und geschwungener waren, hätte sie nicht gepasst.

Young, pretty and talking!

gesehen am 04.01.2012

Meine Damen und Herren,

Würde und Anstand – ach was? In der Politik? Nein, bitte. Doch doch. Dafür braucht man nur einen guten Redenschreiber, einen hervorragenden Wahlkampfleiter und einen charismatischen Politiker, dann kann man fast alles suggerieren. Das Publikum ist gerne passiv und ein bisschen naiv. Und freut sich über allgemeines Wohlbefinden, auch wenn dieses nur vorgegaukelt ist. Das ist aber auch nicht neu, mein lieber Herr Clooney, das ist ja alles schön und gut und so weiter und ja, wir wissen schon: Politischer Film in unserer Zeit ist wichtig, auf jeden Fall, für die Zukunft und unsere Kinder, weil das sind ja unsere wichtigsten Ressourcen, o Gott, ja und man braucht Idealismus, Kalkül, Loyalität und natürlich muss man Macht mögen. Herr Clooney hat da mal wieder einen Film gemacht, ebenso idealistisch wie GOOD NIGHT AND GOOD LUCK und SYRIANA, der sich in seiner nüchternen, fast dokumentarischen Art und Weise vom Hollywood Mainstream abhebt, schön. Aber dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass er es dabei allen recht machen will: Sei es nun denen, die er angreift, denen die er bewundert, denen die vorkommen und denen die nicht vorkommen. Und er will es auch sich selber recht machen, sein Image als Gutmensch, als politischer Mensch, als idealistischer Mensch weiter befördern. Wie schön. Visionen kann man so nicht umsetzen, die hat er vielleicht auch einfach nicht, weder inhaltlicher Art, noch formaler Art, kann sein. Herr Clooney, es bleibt zu sagen, man kann weder viel gegen noch für Ihre Filme sagen, nur: Ihr Film behandelt ein gutes, ein wichtiges Thema, ohne Frage, für alle, für Amerika, die Demokratie, die Welt: Warum dann so öde, tröge, träge, so sanft, so klischeebelastet, so freundlich. Ein bisschen geht es zwar schon zur Sache, es geht schließlich um Loyalität, Ideale und natürlich Sex, aber das Ganze bleibt eben auch sehr übersichtlich. Die Affäre, ach herrje, ja gut. Der wirklich groß gepuschte Fehler in diesem Film ist ein ganz kleiner und ein ganz dummer – das könnte ja interessant sein, stattdessen wirkt es aber an den Haaren herbeigezogen. So meine Damen und Herren um zum Schluss zu kommen: Der Ansatz ist ja ganz nett, darüber hinaus kommt aber nicht viel.

gesehen am 04.01.2012

Ich sehe in Ihnen einen gefangenen Vogel. Wäre er frei, würde er zu den höchsten Wolken fliegen.

Man, ja klar, der Kauz hat auch Ahnung von Poesie und auch etwas von Romantik und der Kauz hat den Roman tatsächlich zwei Mal gelesen, was er sonst selten tut, weil er es für überflüssig hält, weil es so viele Bücher gibt, auf der Welt. Aber natürlich bewegt ihn alles was mit wilden Vögeln zu tun hat. Leider erinnert der Kauz sich nicht mehr allzu gut an Charlotte Brontës Roman – das macht das Alter, denkt er sich immer, da bliebt weniger konkreter Inhalt als eher ein unbestimmtes Gefühl – aber er weiß wohl, dass es sein Lieblingsliebesroman gewesen ist, zumindest eine ganze Weile. Und das lag wahrscheinlich vor allen Dingen daran, dass es kein im klassischen Sinne schöner Liebesroman ist, er ist unheimlich, grausam und ein wenig ungerecht. Mister Rochester zwar geheimnisvoll und unzugänglich, aber auch arrogant, unterkühlt und nicht besonders gutaussehend und Jane Eyre, nicht hübsch, eher zu übersehen, aber von innerer Stärke, Selbstbewusstsein und Redegewandtheit, eine die sich wehrt gegen Ungerechtigkeit und falsche Behandlung. In dem Film da nun: Mister Rochester, blaubeäugt, leicht melancholisch und geheimnisvoll, aber dennoch lebenslustig. Jane schauend, als wüsste sie über die ganze Welt Bescheid, wolle es nur nicht verraten, deshalb: Nur schauen, nicht viel sagen. Hübsch, klar, das auch. Schlagfertig? Keineswegs. Raffinesse im Gespräch, verbaler Kampf der beiden? Keineswegs, na vielleicht im Ansatz. Als Kind noch, ja das schon. Später nur noch ein Schauen. Wie hübsch und adrett das Alles. Wie gefällig und konventionell. Da können auch Verrückte und ein Hausbrand nichts mehr retten. Einzig allein die karge, grau-blaue Landschaft, das lange, struppige Gras und der unerbittliche Wind, die im Buch so raue Charaktere erst biegen und beugen und erzeugen, kommen im Film vor. Sonst ist es ein biedermeierlicher Film nicht wie das Buch, ein zeitloser Klassiker, ein Plädoyer für die Liebe auf Augenhöhe und den Kampf jedes Menschen um Selbstbestimmung und Respekt. Es ist eigentlich ein emanzipatorisches Buch, ein starkes Buch. Keine Ahnung, aber da haben der Kauz und der Regisseur wohl ein anderes gelesen: Der Kauz hätte das Schriftliche anders gesehen. Sein Film wäre vielleicht weniger harmonisch, aber damit auch weniger belanglos geworden.

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