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le havre

gesehen am 08.09.2011

Man fühlt sich ein bisschen als wäre man aus der Zeit gefallen: Die Geschwindigkeit ist weg und die Art, wie heutzutage so Vieles als Nebensächlichkeit abgetan und übergangen wird: Blicke, Sätze, Blumen in einer Vase, den Eintritt in einen Bus.

Le Havre von Kaurismäki, dem mürrischen Finnen mit der rauchigen Stimme, steht mit einem Bein in der Vergangenheit, mit neorealistischen Elementen aus dem französischen und italienischen Kino, mit dem anderen in der Gegenwart und der Flüchtlingsproblemantik. Zusammen wirkt es wie ein melancholisches aber auch heiteres Märchen.

Alles beginnt mit der Tristesse eines Schuhputzer-Lebens und dem beständigen Blick nach unten, auf das, was zu putzen ist. Marcel Marx heißt der Schuhputzer, der aussieht wie ein Großstadtindianer, ein alter Bohemien, der:

Hab einiges Geschrieben. Der Erfolg war künstlerischer Art, zwang uns viel zu trinken. Du verstehst?

Herr Marx spricht statisch, episch, wie abgelesen aus einem Traktat für würdevolles, sorgfältiges und wortgewandtes Sprechen. Überhaupt, die Sorgfalt: Wie akkurat er das gelbe Kleid für seine, im Krankenhaus liegende Frau einpackt, wie liebevoll und dennoch chaotisch, wie bedacht, als wäre das Knittern des Papiers den Aufwand wert. Ein intellektueller und romantischer Clochard, den man in seiner skurrilen Statik und Würde liebgewinnt.

Dann der afrikanische Flüchtlingsjunge: Still und leise, in einem Container an den Hafen gespült. Er sucht bei Marx Unterschlupf und bekommt ihn, während dessen geliebte Frau ins grün-türkise Krankenhaus muss.

Der Junge will nach London.

Wieso? Was gibt’s denn da?

Die Mutter gibts da und der mutterlose Junge löst eine Welle der Solidarität unter den – meist weiblichen – Nachbarn aus. Es entsteht ein Netz, bestehend aus gegenseitiger Aufmerksamkeit und Mitmenschlichkeit. Märchenhaft und surreal aber im Ansatz zutiefst menschlich.

So viel Klasse, Eleganz und Understatement, in einer so tristen Gegend, und der Junge – der eigentlich aus noch viel trostloseren Verhältnissen stammt – wirkt wie ein Engel, der die Menschen besucht und das Beste in ihnen hervorholt.

Eingefrorene Bilder, in die der Text einsinkt, in der Blicke und Haltungen mit holzschnitthafter Unbeweglichkeit Bedeutung aufscheinen lassen, die Schönheit im Einfachen zeigen. Zuerst wirkt das unrealistisch, statisch, unbewegt, wenig lebendig und dann, nach und nach, schält sich heraus was diese Essenz einem zeigen kann: Die Geschichte ist ein Märchen – leider, aber sie beinhaltet dennoch nicht weniger als die Hoffnung auf Mitmenschlichkeit.

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