Archiv

micmacs

Micmacs – Uns gehört Paris

gesehen am 25. 07. 2010

Paris als gelblich leuchtender Abenteuerspielplatz. Die Personen huschen darin herum, klein sind sie, mit großen aufwieglerischen Plänen: Sie wollen zwei Waffenfirmen einen Schlag versetzen, sie in einen gegenseitigen Krieg zerren. Tote gibt es da nicht. Aber das geht in Ordnung, es ist nun mal ein heiterer Film, über ein im Grunde schweres Thema.

Bazil verliert seinen Vater durch eine Landmine, Jahre später bekommt er selbst eine Kugel in den Kopf. Er verliert seinen Job und landet auf der Straße, wo er von einer Gruppe skuriler Gestalten aufgesammelt wird, die auf einem Schrottplatz leben.

Wie schon bei Amelie werden jetzt Geschichten ausgepackt, im Schnelldurchlauf Lebensläufe bebildert.

Der große Rest des Filmes und das ist eine merkwürdige Dramaturgie handelt von dem sehr ausgeklügelten Rachefeldzug dieser ausgepufften Leutchen. Ein Rachefeldzug, dessen Planung man nicht mitbekommt, deren Varianten A,B, und C nur auftauchen, wenn sie gebraucht werden, deren Vorbereitungszeit und Materialbeschaffung und zeitliche Berechnungen außen vor bleiben. So betrachtet man das Ganze seltsam sorglos, wie die Kettenreaktionen bei den Künstlern Fischli&Weiss, bei denen man neugierig das nächste abwartet, man sich aber auch nie wirklich Sorgen zu machen braucht.

Micmacs, das sind Bilder in Bildern und Geschichten in Geschichten, sogar Drogenhändler und Prostituierte reihen sich ein – wenn auch nicht ganz so geschmeidig. Eine französische Märchengeschichte, eine Pariser Erzählung, eine Realität mit Schleier davor, eine Realität in der der Zufall auf der Seite der Guten ist.

Eine Szene als Beispiel: Da beauftragen sie ein Pärchen damit sie in roten Dessous zwischen wehenden, transparenten roten Vorhängen an einem Fenster im dritten Stockwerk Sex haben, worauf hin der Wachmann der Waffenfabrik nachdem er sich seinen nächtlichen Wachhaltekaffee dampfend eingegossen hat, das Stöhnen und Seufzen vernimmt und seine Kamera in Richtung Fenster dreht und zoomt wie ein Pornofilmregisseur. Die Kamera hat einen neuen Fokus, so das die Schlangenfrau durch den Luftschacht in die Decke seines Wachmannzimmers gleitet. Er, vom Instinkt abgelenkt, stark errötet, bemerkt nicht, wie sie durch die Gitter ein mit Schlafmittel beträufeltes Zuckerstückchen wie ein Paket eingeschnürt in seinen Kaffee gleiten lässt. In dem Moment als er dezent und kaum ersichtlich kommt, zieht sie die Schnur nach oben, er dreht sich zum Kaffee danach, trinkt und entschläft. Das ist kein einfacher Plan, das ist ein ästhetisches Wunderwerk, bei dem in der Realität alles schief gehen würde.

Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Delicatessen, Die fabelhafte Welt der Amelie, Mathilde) mit bekannten Gesichter aus eben diesen Filmen und Monsieur Dany Boon (Willkommen bei den Sch’tis) gelingt ein absurdes Gemälde mit ernstem Hintergrund.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.