Der Kauz präsentiert einen zweiten Text zu Midnight in Paris von Julia Knoll:
Midnight in Paris
Es die Stadt Paris, Hochburg der Verträumtheit und Liebe, in der Woody Allen seine neueste Geschichte ansiedelt. Allen ist der Reiseführer, der den Zuschauer durch seine Hauptfigur Gil liebevoll bei der Hand nimmt und durch das Paris von heute und das der zwanziger Jahre führt.
Gil, ein charmant neurotischer Drehbuchautor weilt mit seiner Verlobten Inez und ihren lieben Eltern in der französischen Metropole. Gil sucht das Traumhaft-Phantastische, das seine Vorstellungswelt beflügeln soll und – anders als erwartet – wird. Denn sein erster Roman, mit dessen Verbesserungen er sich seit Jahren herumschlägt, soll endlich vorzeigbar werden. Allerdings findet Gil kein Ende, findet das fertige Werk längst noch nicht gut genug. Mit anderen Worten er hat kein Zutrauen in seine Fähigkeiten. Währenddessen frönt seine Freundin lieber dem hemmungslosen Konsum, leichtem Amüsement und ach so intellektuell-kulturellen Unternehmungen mit einem befreundeten Paar, deren bessere männliche Hälfte sich durch Snobismus und Selbstgefälligkeit auszeichnet. Ihn himmelt Inez regelrecht an.
Gil stattdessen geht spazieren, flaniert allein durch das nächtliche Paris. Dann verschwinden, Schlag Mitternacht, mit dem Erscheinen eines Oldtimers, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination. Gil wird ausgelassen und fröhlich aufgefordert, zuzusteigen. Im Wageninneren begrüßen ihn Zelda und F. Scott Fitzgerald, die ihn in das Nachtleben eines vergangenen Paris entführen. Der Ort der Sehnsucht wird zum Ort des Traums, in dem alles möglich erscheint. Aber wie soll Gil das alles seiner Verlobten erklären, die ohnehin beinahe die Geduld mit ihm verliert? Er unternimmt einen erfolglosen Versuch und unterlässt es in der Zukunft, ihr noch einmal von seinen nächtlichen Abenteuern zu erzählen. Gil, der sich immer schon in die Zeit der zwanziger Jahre gesehnt hatte, lebt nun jede Nacht aufs Neue in ihr. Er begegnet Literaten wie Hemingway, der Verlegerin und Schriftstellerin Gertrude Stein, den Surrealisten wie Picasso, Buñel, Dalí, und schließlich der Künstlergeliebten Adriana.
So erfüllt sich sein Traum in einer anderen Epoche zu leben, und zwischen Trinken, Feiern, Gesprächen über Kunst und Literatur findet er etwas mehr zu sich und entfernt sich selbstredend von Inez. Die fehlenden Gemeinsamkeiten treten unübersehbar hervor. Die einzige miteinander geteilte Leidenschaft für Pittabrot war offenkundig nicht ausreichend.
Von Lebenslust gepackt verliebt er sich in die hinreißende Adriana. Dieser Liebe folgt jedoch keine Erfüllung. Als beide mit einem Mal auch noch in der Belle Époque landen, weil Adriana sich in diese Vergangenheit sehnsuchtsvoll träumt, stoßen sie auf Toulouse-Lautrec und Degas. Am Ende bleibt Gil allein in Paris zurück. Doch die Begegnung der beiden unter diesen poetisch-mirakulösen Umständen lässt Gil ein Stück weit sich selbst erkennen.
Nachts, im Regen begegnet er einer jungen Trödelverkäuferin. Mit ihr spaziert er weiter.
Was Woody Allen in seinem Film erzählt, ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Er inszeniert einen poetischen Wunschtraum. Doch der Hinweis, sich dem Diesseits, dem Jetzt, zuzuwenden, scheint zwischen den Bildern immer wieder auf. Nur unwillig will man dieser Botschaft folgen
